Der Kampf um die Würdigung Minna Faßhauers geht weiter

Gisela mit MinnaIm Rahmen der Veranstaltung "Minna Faßhauer "Frieden, Freiheit, Brot!" - Heute noch aktuell?" hielt Gisela Ohnesorge einen Vortrag über das Sich-Nicht-Erinnern und das Nicht-Würdigen von Minna Faßhauer durch die Stadt Braunschweig. Mit rund 60 Zuschauer war die Veranstaltung gut besucht.

Minna Faßhauer,

eine beeindruckende Frau, aus- wie man sagen würde- einfachen Verhältnissen, mit klaren Vorstellungen von Gerechtigkeit. Eine Frau, die bereit war, für ihre Überzeugungen vieles auf sich zu nehmen. Was hat verhindert, dass die Stadt Braunschweig sich offiziell dieser Frau erinnert und sie entsprechend würdigt? Dazu sollte man kurz einen Blick auf unsere Vorstellung von Geschichte werfen.

Wenn wir Geschichte betrachten, dann ist wahrscheinlich für die meisten von uns heute klar, dass Geschichte von Menschen gemacht worden ist, dass Geschichte nicht eine bloße Aneinanderreihung von Zahlen und Fakten ist, kein festgelegter Ablauf dahinter steht, sondern dass Geschichte etwas Lebendiges ist. Es stehen Menschen dahinter, es stehen Dramen dahinter, Kriege auch, Gewalt, Angst, Sehnsüchte, Hoffnungen. In der Forschung geht man davon aus, dass Geschichtsvorstellungen das Bewusstsein und damit auch das Verhalten der Menschen stark prägen. Menschen handeln anders, wenn sie es nicht für möglich halten, dass ihre Handlungen den Lauf der Geschichte beeinflussen.

Kurz gesagt: Wer Geschichte nicht für gestaltbar hält, der kann Geschichte auch nicht gestalten.

Andersherum prägen historische Erfahrungen die Geschichtsvorstellungen. Solange Menschen die Erfahrung machen, dass Geschichte „mit den Menschen geschieht“, solange hält sich auch das Modell bzw. die Vorstellung einer Nicht-Änderbarkeit von Geschichte.

Der Blick in die Geschichte zeigt aber ganz klar: Die Probleme unserer Zeit können nur dann produktiv bewältigt werden, wenn die beteiligten Akteure sich selbst als potenzielle Mitgestalter der Zukunft erleben und nicht nur als Bewahrer des Althergebrachten oder gar Erfüllungsgehilfen alternativloser Entscheidungen. Und was auch ganz wichtig ist - durch den Umgang mit geschichtlichen Ereignissen wird deutlich, wo eine Gesellschaft politisch und moralisch zu verorten ist. Hier haben die offiziellen Gremien, also auch die Stadt Braunschweig, eine große Bedeutung.

Und da bin ich bereits bei unserem eigentlichen Thema angekommen:

Beim Umgang der Stadt Braunschweig mit Minna Faßhauer.

Das Vergessen, das Sich-Nicht-Erinnern und das Nicht-Würdigen ist beileibe nicht einfach ein Versäumnis, es ist kein Versehen, sondern hat Tradition, steht in der Reihe einer Geschichtsbetrachtung aus rein bürgerlicher Sicht. Dass Menschen Akteure sind, dass Geschichte gestaltbar ist, ist zwar als Grundannahme vorhanden, aber eigentliche Akteure sind eben nicht einfache Menschen, sondern hochgestellte Persönlichkeiten, wobei in der bürgerlichen Geschichtsbetrachtung besonders Männer im Fokus stehen. Erinnerungen sollen aufrecht erhalten werden, die ins bürgerliche Weltbild passen. Und wenn man dieses im Hinterkopf behält, wird die Ratsauseinandersetzung um die Ehrung Minna Faßhauers auch verständlicher.

Rede Gisela MinnaSchauen wir uns einmal den Ablauf etwas genauer an:

Ende 2011 hat unsere Fraktion einen Antrag in die Haushaltsberatungen für 2012 eingebracht, in dem gefordert wurde, dass ein Konzept zur angemessenen Ehrung Minna Faßhauers von der Verwaltung erstellt werden soll. Erster Schritt war, diesen Antrag an den Kulturausschuss zu stellen, um dann damit im weiteren Gremienverlauf in den Rat zu gelangen. Aber siehe da, obwohl fristgerecht eingereicht, war der gestellte Antrag von der Verwaltung nicht aufgenommen worden und konnte somit nicht zu den Haushaltsberatungen 2012 beraten werden.

Wer will, kann jetzt an eine bedauerliche Panne denken, kann ja mal passieren... Sind ja schließlich auch nur Menschen, denen Fehler unterlaufen können. Wer den weiteren Verlauf verfolgt, wird aber wohl zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Im März 2012 gelangte dann besagter Antrag im zweiten Anlauf endlich in den Kulurausschuss, wurde dort auch beraten und mit den Gegenstimmen der CDU, bei Enthaltung der BiBS, mehrheitlich  Damit schien die erste Hürde genommen. Endlich auf dem Weg zu einer längst überfälligen Ehrung einer besonderen Frau. Dann aber gab es sehr schnell eine Intervention von Seiten des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Hoffmann. Die Verwaltung werde diesen Beschluss auf gar keinen Fall umsetzen.

Motto: Was kümmern uns demokratische Beschlüsse, wenn sie uns nicht passen?

Und die Begründung von Hoffmanns Seite, dass eine solche Konzepterarbeitung von Seiten der Verwaltung unmöglich sei, hatte es in sich.

Eine Akte aus der NS-Zeit, aus einem Gerichtsverfahren vor dem Braunschweiger Oberlandesgericht, hatte Minna Faßhauer als schuldig erklärt, an Sprengstoffattentaten beteiligt zu sein und gegen das Entwaffnungsgesetz verstoßen zu haben. Unfassbar, dass ein Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig Nazi-Gerichtsakten als rechtsstaatliche Belege aufwertet. Aber die im damaligen Rat vertretenen Fraktionen hatten- mit Ausnahme der Grünen- kein Problem damit, im Endeffekt der Argumentation zu folgen.

Man wollte Minna Faßhauer nicht ehren, sie wurde als Anarchistin, als Antidemokratin, als Terroristin abgestempelt und der an Professor Biegel vergebene Auftrag, die Biographie Minna Faßhauers genauer zu durchleuchten, war letztlich nur als Beweisführung für diese Vergehen gedacht. Aber auch Biegel konnte keinen Beweis erbringen, dass Minna Faßhauer das zur Last gelegte Sprengstoffattentat begangen hat. Aber man einigte sich darauf, dass man keine Frau ehren könne, die letztlich nicht auf „dem Boden des Grundgesetzes“ gestanden habe, die eine Räterepublik wollte und - wer weiß, die Nazis haben es ja dokumentiert – die vielleicht auch die ihr zur Last gelegten Vergehen begangen hat. Dass es dieses Grundgesetz gar nicht gab zu ihrer Zeit, dass die Verhältnisse in der Weimarer Republik völlig andere waren, und entsprechende Maßstäbe an andere hochgeehrte Persönlichkeiten nicht angelegt werden, wurde fleißig ausgeblendet. Ein erzkonservativer Stauffenberg beispielsweise passt auch soviel besser in ein bürgerliches Weltbild.

Einen ähnlichen Vorgang erleben wir ja gerade wieder mit der Ehrenbürgerschaft von Richard Borek! Seine „rechten Flecken“ blendet man einfach aus, da wird nicht hinterfragt, ob das vereinbar ist mit dem Grundgesetz. Ein Borek passt mit seinem Engagement wunderbar in das bürgerliche Weltbild.

Zurück zu Minna Faßhauer: Und – was keiner richtig aussprechen wollte, aber was letztlich ausschlaggebend war- eine Kommunistin wollte und will man nicht ehren.

Und hier war und ist es gerade die SPD, die sich nicht mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen möchte. Hatte sie im Kulturausschuss im ersten Durchgang noch für das Konzept zur Ehrung gestimmt, wurde schnell klar, dass bestimmte Kreise innerhalb der SPD das auf gar keinen Fall wollten. Und so wurde aus dem Ursprungsantrag am Ende ein Antrag, in dem ganz generell die Zeit von 1914 und 1918/19 bis zum Beginn des Faschismus aufgearbeitet werden sollte. In dem Zusammenhang könnte man sich dann ja auch noch einmal mit Minna Faßhauer beschäftigen.

Was hat diese Ratsauseinandersetzung gebracht?

Zum einen wurde in der damals sehr hart geführten Debatte deutlich, wie sehr die Abwehrhaltung gegen alles, was links ist, im Denken der bürgerlichen Parteien/Fraktionen verankert ist, während man andererseits kein Problem hat, sich auf Argumentationen aus der rechten oder faschistischen Ecke einzulassen. Zum anderen hat die Diskussion aber stadtweit ein Bewusstsein geweckt, dass hier in der Aufarbeitung von Geschichte gerade in Braunschweig noch einiges zu tun ist. Was in anderen Städten an Aufarbeitung -gerade auch der Geschichte des Nationalsozialismus - längst geschehen ist, ist in Braunschweig keineswegs selbstverständlich. Das bürgerliche Weltbild ist hier sehr fest verankert. Hier lässt man sehr viel lieber feudale Traditionen wieder aufleben, s. Schlossmuseum, Quadriga.

Aber: Minna Faßhauer ist auf jeden Fall aus dem Vergessen geholt worden.

Es gab die verschiedensten Initiativen zur Ehrung, s. Stolperstein, s. Frauenorte. Wir hätten uns mehr gewünscht, wir hätten es gut gefunden, wenn eine solche beeindruckende Frau einen größeren Stellenwert in der offiziellen Erinnerung der Stadt einnehmen würde. Hier vergibt Braunschweig eine Chance.

Danke für die Aufmerksamkeit.


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