Dringlichkeitsanfrage: Sind fehlende Investitionen die Ursache der Störungen der Fernwärmeversorgung?

FernwärmeErstmalig am 7. Februar wurde von BS|ENERGY über technische Störungen im Heizkraftwerk Mitte und einem damit einhergehenden Temperaturabfall im Fernwärmenetz für die Bereiche der Innenstadt und des Flughafens berichtet. Die Temperatur lag an diesem Tag zwischen -3 bis -6 Grad. 

Am 8. Februar erklärte der Energieversorger: „Kurzfristige technische Störung im Heizkraftwerk Mitte behoben. BS|ENERGY konnte die technischen Störungen von zwei Anlagen im Heizkraftwerk Mitte beheben. Beide Anlagen sind zur Zeit wieder am Netz.“

Einen Tag später, am 9. Februar, wurde diese Mitteilung korrigiert. Jetzt teilte BS|ENERGY mit: „Aufgrund fortgesetzter technischer Störungen in der Fernwärmeerzeugung kommt es weiterhin fast im gesamten Stadtgebiet zu Einschränkungen in der Wärmeversorgung. […] .BS|ENERGY rechnet mit einer stark eingeschränkten Wärmeversorgung mindestens noch für die nächsten zwei Tage.“

Am 10. Februar wird der stellv. Vorstandsvorsitzende von BS|ENERGY, Paul Anfang, in der Braunschweiger Zeitung folgendermaßen zitiert: „Mindestens am Mittwoch und am Donnerstag ist noch mit Einschränkungen zu rechnen. Ich lege auch nicht meine Hand dafür ins Feuer, dass es nicht noch ein paar Tage länger dauern kann.“ Diese sich teilweise widersprechende und die Wahrheit nur scheibchenweise mitteilende Informationspolitik unseres Grundversorgers mit Wärme, Wasser und Licht ist an sich schon bemerkenswert. Dass der Aufsichtsratsvorsitzende und Oberbürgermeister Ulrich Markurth sich erst am 10. Februar zu dem Thema geäußert hat und hier nur auf neue Technologien verweist, erklärt auch nicht, wie die versprochene Versorgungssicherheit jetzt sichergestellt werden soll.

Für die „Einschränkungen in der Wärmeversorgung fast im gesamten Stadtgebiet“ werden von Paul Anfang mehrere Gründe in der Braunschweiger Zeitung genannt. Hauptursache soll feuchte Kohle sein. Dass offen gelagerte Kohle feucht wird, soll bislang kein Problem und dem Vorstand von BS/ENERGY auch nicht als problematisch bekannt gewesen sein. Die Beschaffung von trockener Kohle aus Hamburg soll wegen des zugefrorenen Elbe-Seitenkanals nicht möglich gewesen sein. Gleichzeitig soll sich ein Kohle-Vorrat für rund 2 Monate am Braunschweiger Hafen befinden. Davon soll rund die Hälfte – also Heizmaterial für einen Monat – andere und trockene Kohle sein. Warum trockene Kohle aus Hamburg bestellt wird und gleichzeitig trockene Kohle am Braunschweiger Hafen nicht genutzt wird bzw. werden kann, bleibt in dem Beitrag vollkommen unklar. Als weiterer Grund wird genannt, dass im Heizwerk West zu lange Öl im Tank gelassen worden sei, dies Verunreinigungen nach sich gezogen habe und diese die Filter zugesetzt hätten. Auch soll ein Dieselmotor versagt haben und dadurch habe eine Anlage nicht gestartet werden können, die 58 Jahre alt sei. Das alles deutet stark darauf hin, dass über Jahre notwendige Investitionen nicht getätigt wurden.

In seiner Publikation „BS|Fernwärme – die intelligente Alternative für Ihr Zuhause und den Umweltschutz. Sauber. Sicher. Umweltfreundlich.“ erklärt BS|ENERGY:

Versorgungssicherheit

BS|ENERGY ist bei der Fernwärmeversorgung auf sicher funktionierende Anlagen angewiesen. Fernwärme lässt sich – anders als Strom, der jederzeit aus dem Verbundnetz bezogen werden kann – nicht von anderen Erzeugern beziehen. Darum ist die Versorgungssicherheit in der Fernwärmeversorgung sehr wichtig. BS|ENERGY betreibt mehrere Wärmeerzeugungsanlagen. Bei einem Ausfall einer Anlage können andere Heizkessel einspringen.“

Vor dem Hintergrund der tagelangen Störungen der Fernwärmeversorgung mitten im Winter klingt dieses Versprechen fast schon zynisch.

Dazu wird die Verwaltung gefragt:

  1. Welche Investitionen sind bei BS/ENERGY notwendig, damit in diesem Winter als auch in folgenden die Versorgungssicherheit tatsächlich so, wie von BS/ENERY versprochen, gewährleistet werden kann?
  2. Haftet BS|ENERGY  für mögliche Schäden, die durch die gestörte Fernwärmeversorgung bei den Kunden aufgetreten sind?
  3. Welche Maßnahmen hält der Oberbürgermeister – und Vorsitzender des Aufsichtsrates von BS/ENERGY – für angezeigt, damit die Versorgungssicherheitab sofortsichergestellt wird?

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Stellungnahme der Verwaltung:

Welche Investitionen sind bei BS/ENERGY notwendig, damit in diesem Winter als auch in folgenden die Versorgungssicherheit tatsächlich so, wie von BS|ENERGY versprochen, gewährleistet werden kann?

„Alle Bestandsanlagen wurden immer ordnungsgemäß und ohne Wartungsstau instandgehalten. Insgesamt wurden hierfür seit 2002 rund 200 Mio. Euro ausgegeben. 2010 wurden weitere 90 Mio. Euro in eine neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk investiert. Zur Zeit investiert BS Energy zudem mehr als eine Viertelmilliarde Euro in eine Biomasseanlage auf Altholzbasis und in eine Gasturbine. Zugleich werden die Heizwerke aus den sechziger Jahren vollständig modernisiert. Es sind keine Investitionen über die bereits vorgesehenen erforderlich. 

BS Energy betreibt das Braunschweiger Fernwärmenetz über Jahrzehnte, in denen es bisher noch zu keinem vergleichbaren Störfall gekommen ist. Die vorhandene N-1-Strategie beim Betreiben des Fernwärmenetzes bedeutet, dass beim Ausfall von Fernwärmeleistung eine andere Anlage diese kompensieren kann (Redundanz). Beim Ausfall mehrerer Anlagen gleichzeitig kann das grundsätzlich nicht gewährleistet werden, da andernfalls der Anlagenpark dreifach vorgehalten werden müsste. Auch die neuen Anlagen sind nach der N-1-Strategie geplant und werden so ausgeführt. Bei der letzten Störung handelte es sich nicht um einen Ausfall des Fernwärmenetzes, sondern um partielle Temperaturschwankungen im Netz, die bei der Heizleistung der Kunden zum großen Teil wahrgenommen wurde.

Ursächlich waren insbesondere Qualitätsprobleme bei den eingesetzten Brennstoffen Kohle und Öl mit zeitgleich auftretenden technischen Problemen an verschiedenen Anlagen bei außergewöhnlich tiefen Außentemperaturen. Weitere Investitionen hätten diese Verkettung der unglücklicherweise gleichzeitig auftretenden Umstände nicht verhindern können.“

Insgesamt zeigt der Vorfall aus Sicht der Verwaltung sehr eindringlich die Notwendigkeit des Ersatzes des bisherigen Kohlekraftwerkes durch moderne, leistungsstarke und ökologisch nachhaltige Energieträger sowie die entsprechende Technologie. Erfreulicherweise ist es gelungen, die damaligen Verantwortlichen des Mehrheitsgesellschafters von BS Energy für den Bau der Biomasseanlage zu gewinnen. Dieses bedeutet nicht nur einen großen Schritt zur Klimaneutralität, sondern auch zu einer erhöhten Versorgungssicherheit.

Haftet BS/ENERGY für mögliche Schäden, die durch die gestörte Fernwärmeversorgung bei den Kunden aufgetreten sind?

„Bei von Kunden gemeldeten Schäden wird sich BS|ENERGY kulant verhalten.“

Welche Maßnahmen hält der Oberbürgermeister – und Vorsitzender des Aufsichtsrates von BS/ENERGY – für angezeigt, damit die Versorgungssicherheit ab sofort sichergestellt wird?

„BS Energy hat eine Vielzahl von Maßnahmen sofort eingeleitet und umgesetzt und somit zu einer schnellstmöglichen Normalisierung der Situation beigetragen.

Nachstehend eine Übersicht:

Der N-1 Status bei den Erzeugungsanlagen ist seit dem Wochenende wiederhergestellt. Die in Betrieb befindlichen Anlagen speisen ausreichende Fernwärmeleistung in das Netz ein und die Brennstoffversorgung ist in Menge und Qualität vor Ort sichergestellt. Wegen des Alters der Anlagen und der historisch gewachsenen Zusammenstellung des gesamten Anlagenparks können jedoch Störfälle niemals vollständig ausgeschlossen werden. Die Personalsituation ist angespannt, Unterstützung durch Kollegen/innen aus der Unternehmensgruppe, aus Projekt E 2030 (Neubau Kraftwerke) und externe Dienstleister wurde veranlasst.

  • Groß- und Sonderkunden wurden kontaktiert, um den Wärmebezug zu reduzieren bzw. eigene Anlagen einzusetzen.
  • Heizradiatoren wurden angeschafft und auf Nachfrage von Kunden und Institutionen verteilt (nicht proaktiv kommuniziert, da Menge nicht für alle Kunden ausreichend).
  • Mobile Heizzentralen wurden besorgt und befinden sich vor Ort, um bei Bedarf
  • Krankenhäuser oder Altenheime zu versorgen
  • Es wurde eine Hotline, die über 24 Stunden am Tag Erreichbarkeit gewährleistet, sowie eine eigene Info-Website eingerichtet.
  • Mittlerweile trägt die Tendenz zu einer Erhöhung der Außentemperaturen zur Entspannung der Störfallsituation bei.“


Damit sind alle erforderlichen und umsetzbaren Maßnahmen zeitnah realisiert worden. Den Mitarbeitenden des Unternehmens ist großer Dank für ihren mehrtägigen außergewöhnlichen Einsatz zu sagen. Dank gibt es auch für die Unterstützung der anderen Gesellschafter zu sagen, die in permanenter Abstimmung mit uns technische Hilfe geleistet haben.

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