Anfrage: Wehrmachtslieder beim Eisbeinessen

 Frauenplakat2

In einer Glosse der Braunschweiger Zeitung vom 20.01.2020 berichtet Frau Steiner davon, dass beim Eisbeinessen des Technikervereins u.a. das Lied „In einem Polenstädtchen, da wohnte einst ein Mädchen“ gesungen wurde.

Dieses Lied war Bestandteil des Liedbuches des rechtsradikalen „jungdeutschen Ordens“ (1921) und der Wehrmacht (1935). Es ist davon auszugehen, dass es von Wehrmachtsangehörigen beim Überfall auf Polen gesungen wurde. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen 1939 stellte den Auftakt dar für die menschenverachtende, rassistische und eine Blutspur durch Europa (und später die Welt) ziehende Kriegspolitik Hitlers.

Die Linke hatte im letzten Jahr einen Antrag gestellt, dass der Oberbürgermeister und die männlichen Ratsmitglieder nicht an einer reinen Männerveranstaltung wie der des Technikervereins teilnehmen sollten. Das hatten auch Teile der SPD in der Vergangenheit so gesehen. So heißt es in der SPD Zeitung „Klinterklater“, 49. Ausgabe 2013: […] In Wirklichkeit strotzt der Abend von einstigen Wehrmachtsgesängen, Deutschtümelei, Blut- und Heimatideologie, das es nur so kracht. Da rühmt sich der Landser, weil er ein Polenmädel rumgekriegt hat („In einem Polenstädtchen“): Wenn man weiß, wie das 1939 aussah, kann man das nur als geschmacklos bezeichnen. Man singt das Niedersachsenlied gegen die „welsche Brut“, „aus der Väter Blut und Wunden wächst der Söhne Heldenmut“ und allerlei Schwachsinn mehr. Einige Lieder schüren offen Hass zwischen den Völkern, andere waren Werbeslogan der NPD 2009 […]

Trotz dieser Erkenntnisse wurde der Antrag der Linksfraktion leider von einer Mehrheit im Rat abgelehnt und durch einen relativ nichtssagenden Appell der SPD ersetzt. Argument war u.a., dass das Eisbeinessen einer Tradition verpflichtet sei, die man nicht einfach aufgeben sollte. Wenn nun während einer solchen Zusammenkunft, die wir ohnehin für völlig anachronistisch halten, ein frauenfeindliches und militaristisches Lied gesungen wird, stellt sich natürlich die Frage, welcher Tradition man sich da verpflichtet fühlt.

Hinzu kommt, dass der von einer Mehrheit beschlossene SPD-Antrag immerhin davon spricht, dass zukünftig alle Geschlechter gleichberechtigt und diskriminierungsfrei bei der Teilnahme an Veranstaltungen zu berücksichtigen sind. Der Antrag der eigenen Partei hat dann aber OB Markurth und Ratsvorsitzenden Graffstedt laut BZ nicht daran gehindert, am „Herrenabend“ 2019 des Technikervereins teilzunehmen. Laut BZ soll OB Markurth sogar ein Grußwort gehalten und dabei gesagt haben: „Wir Braunschweiger bekennen uns zu unserer Tradition.“

Vor diesem Hintergrund wird die Verwaltung gefragt:

  1. Trifft der Bericht zu?
  2. Wenn ja, wie bewertet die Verwaltung diese Vorgänge?
  3. Weshalb legt der Oberbürgermeister ein Bekenntnis zu einer Veranstaltung ab, von der die Hälfte der Bevölkerung ausgeschlossen ist und auf der frauenfeindliche und militaristische Lieder gesungen werden?

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